
Historische Einblicke aus den Wiesenwerken
Die heutigen Wiesenwerke haben eine lange Geschichte als Textilfabrik. Der Historiker Heiko Schnickmann hat einen Blick in diese Vergangenheit geworfen und einen kurzen historischen Bericht über einen Arbeitskampf in den damaligen Gold-Zack-Werken geschrieben.
Der Text erzählt von mutigen Textilarbeiterinnen, die sich 1935 gegen Lohnkürzungen wehrten mitten in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur.
Der Bummelstreik in der “Stadt der fleißigen Mädchen”
Wuppertal im Jahr 1935. Die Luft in den Fabrikhallen ist zum Schneiden dick. Ein feiner, allgegenwärtiger Baumwollstaub tanzt im fahlen Licht, das durch die hohen Industriefenster fällt. Der Lärm der mechanischen Webstühle ist ohrenbetäubend, ein rhythmisches, unerbittliches Rattern, das den Arbeiterinnen an den Maschinen jede Unterhaltung unmöglich macht. Es sind zumeist junge, unverheiratete Frauen und vom Leben gezeichnete Witwen, die hier in Zwölf-Stunden-Schichten ihren kargen Lebensunterhalt zusammenweben. Sie sind der Grund, warum Wuppertal in jener Zeit weithin als die „Stadt der fleißigen Mädchen“ bekannt ist. Die Textilfabrik, die in diesen Jahren unter dem Namen Cosman, Villbrandt & Zehnder firmiert, ist eine Welt für sich – und in diesem Jahr 1935 ein echtes Pulverfass.
Die Zeiten sind beklemmend, denn die freie Gewerkschaftsbewegung ist von den nationalsozialistischen Machthabern längst in die Illegalität gedrängt und brutal zerschlagen worden. Wer jetzt noch aufmuckt, riskiert nicht nur seinen Arbeitsplatz, sondern sein Leben. Dennoch gärt es in der Belegschaft der Fabrik, die in den Augen des Regimes ohnehin stets als verdächtige „linke Hochburg“ gilt. Der Grund für die verzweifelte Stimmung an den Webstühlen ist absolut existenziell: Die Direktion hat weitreichende Einschnitte geplant und will die ohnehin schon knappen Akkordsätze der Frauen drastisch kürzen. Für die Arbeiterinnen bedeutet dieser Schritt den sicheren Absturz unter das Existenzminimum. Jeder Pfennig, der hier am Lohn gespart wird, fehlt am Ende der Woche buchstäblich auf dem Küchentisch.
Doch die Wuppertaler Textilarbeiterinnen nehmen diesen massiven Angriff auf ihre Existenz nicht schweigend hin. Durch tatkräftige Unterstützung von Cläre Muth, einer überzeugten Kommunistin, die für die verbotenen Gewerkschaften in Elberfeld den Arbeitskampf organisiert, formiert sich ein mutiger Widerstand von unten. Heimlich gedruckte Handzettel werden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von ihr und ein paar anderen vor dem Gebäude aufgehängt. Am nächsten Tag wandern diese Papiere von Schürzentasche zu Schürzentasche. Sie prangern die drohenden Lohnkürzungen unmissverständlich an.
Da ein offener Streik in der Diktatur das sichere Ticket in die Folterkeller der Gestapo wäre, wählen die Frauen eine subtilere, aber hochwirksame Waffe: den Bummelstreik. Von einem Tag auf den anderen verlangsamen sich die Handgriffe im Saal. Die Schiffchen fliegen gemächlicher durch die Kettfäden, Tausende kleine Verzögerungen summieren sich. Die Produktion stockt, die Maschinen laufen nur noch auf halber Kraft. Die Solidarität der Frauen entfaltet eine gewaltige Wucht und verfehlt ihr Ziel nicht: Die Geschäftsführung sieht sich gezwungen, einzuknicken, und die geplante Herabsetzung des Lohns wird durch diesen Bummelstreik tatsächlich verhindert.
Aber das System duldet in diesen Zeiten keine gewerkschaftliche Selbstbehauptung, und die Rache des Regimes folgt auf dem Fuß. Die Gestapo greift mit brutaler Härte durch. Noch im selben Jahr 1935 werden insgesamt 25 Arbeiterinnen der Fabrik verhaftet und aus den Werkshallen gerissen. Für ihren Zusammenhalt verlieren diese Frauen ihre Freiheit.
Szenenwechsel. Nur wenige Treppenstufen entfernt, in der Vorstandsetage desselben Gebäudes, herrscht eine völlig andere, geradezu grotesk gegensätzliche Realität. Hier leitet Emma Villbrandt, die älteste Tochter eines der Firmengründer, die Geschicke des Unternehmens. Sie hat nach dem Tod ihres Vaters eine führende Rolle übernommen und agiert nun als Vorständin, Mitinhaberin und gleichberechtigte Geschäftspartnerin von Carl Zehnder. Während unten in den Werkshallen 25 Frauen für wenige Pfennige kämpfen und dafür vom NS-Apparat zermalmt werden, studiert Emma Villbrandt Bilanzen – und ihre stetig wachsenden, persönlichen Einkünfte.
Die nackten Zahlen aus ihrer eigenen Entnazifizierungsakte lesen sich wie ein zynischer Kommentar zu dem dramatischen Arbeitskampf. Während die Unternehmensführung vorgab, aus wirtschaftlichen Zwängen die Akkordsätze der hart arbeitenden Frauen kürzen zu müssen, kannten die persönlichen Einkünfte der Vorständin Emma Villbrandt – bestehend aus Gehalt, Tantiemen und Dividenden – nur eine einzige Richtung: steil nach oben. Hatte sie im Jahr 1931 noch stattliche 31.903 eingenommen, stiegen ihre Bezüge im Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 bereits auf 35.325 an.
Und im historischen Krisenjahr 1935? Exakt in jenem Jahr, in dem der zivile Widerstand an den Maschinen eskaliert, der Bummelstreik stattfindet und die Gestapo 25 Streikende abführt, verzeichnet Emma Villbrandt einen neuen finanziellen Rekordwert in diesem Jahrzehnt. Ihr persönliches Einkommen klettert auf exakt 35.621. Bis zum Jahr 1943 wird Emma Villbrandts Jahreseinkommen auf den unvorstellbaren absoluten Höchststand von 51.022 anwachsen.
Wenn wir heute am 8. März den Internationalen Frauentag begehen, müssen wir uns an diese beiden völlig konträren Welten unter einem Dach erinnern. Weiblicher Aufstieg in der Wirtschaft bedeutet nicht zwangsläufig Solidarität oder Gerechtigkeit. Dieser Tag gehört den 25 mutigen Textilarbeiterinnen, deren leiser, aber kraftvoller Bummelstreik ein ohrenbetäubendes Signal für Würde war. Ihr Mut webt bis heute unsichtbar in den historischen Mauern dieses Hauses weiter.
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